Gendergerechtigkeit in der Sprache
Zum aktuellen Stand dieses Prozesses in unserem Institut

Minden, 01.02.2026

Liebe Hebammen (m/w/d)*!

*im Folgenden "Hebammen"

Zurecht sind wir bei HERZTÖNE kürzlich daraufhin gewiesen worden, dass wir auf der Homepage, bei Post und in Mails zwar gendern, aber nicht geschlechtsneutral schreiben, was trans- und nicht-binäre Personen ausschließt. Ich bin selbst queer und habe schon zum Thema Diversität unterrichtet, daher ist es mir wichtig, mich in dieser Frage angemessen zu positionieren und zu verhalten.

Zeit zum Handeln

Nachdem dann die erste konkrete Nachricht dazu ankam, in der wir von einer nicht-binären Hebamme um konsequente genderneutrale Teilnahmebescheinigungen, Briefe und Mails gebeten wurden, war klar, dass es Zeit ist, sich darum kümmern.

Bis dahin hatte ich als Feministin durchgängig und gerne alle Hebammen mit „Frau X“ oder „Liebe Kollegin“ angeschrieben, was manchmal dazu führte, dass auch männliche Kunden so angesprochen wurden. Ich sah das als eine Art ausgleichende Gerechtigkeit, da Frauen so oft nicht gesehen, angesprochen und benannt werden, dass das nachhaltig zu Unsichtbarkeit führt und Geschlechterklischees zementiert. Ich selbst habe in meinem Leben als Mädchen, Frau und queere Person so viel Diskriminierung und auch konkrete Gewalt erlebt, dass mir schon seit meiner Jugend eine feministische Haltung und ein sichtbarer feministischer Ausdruck wichtig waren und immer sein werden.

Aber es gibt mehr als „Männer“ und „Frauen“

Und daher ist das einfache binäre "gendern" nicht ausreichend, weil damit nicht-binäre und trans-Personen wieder nicht adressiert werden.
Wollten wir bei HERZTÖNE allerdings alle unsere Mails und Formulare mit konkreten diversen Pronomen einrichten, kämen wir mit unseren verschiedenen und teils altgedienten Software-Programmen an technische Grenzen – und ich bin sicher, dass wir die Auswahl und Nutzungen auch mit großem Aufwand und Kosten immer wieder anpassen müssten, da Sprachauswahlen und -politiken sich immer wieder ändern und neue dazu kommen. Dazu sind wir ehrlicherweise mit unserem kleinen Institut schlicht nicht in der Lage.
In Newslettern und allgemeinen Mails kann aber statt einer Gender-Anrede wie "Liebe ..." einfach „Guten Tag“ stehen – das klingt zwar ein bisschen unpersönlicher, ist aber ein guter Kompromiss, den wir in Zukunft verwenden werden.
So werden wir nach und nach allgemeine Ansprachen komplett genderneutral halten und individuelle Ansprachen einfach auf „Hebamme“ und den Namen ändern. Ich hoffe, dass wird dann für möglichst alle funktionieren und okay sein.

Ist der Begriff "Hebamme" (aktuell) genderneutral?

Bei der Recherche zu möglichen genderneutralen Begriffen zum Begriff „Hebamme“ tauchten Vorschläge auf wie „geburtshelfende Person“ oder „Geburt unterstützende Person“ – und da wird es dann schon problematisch, weil das auch Ärzt:innen in der Geburtshilfe impliziert, auch wenn ich nur Hebammen meine. Und es macht noch etwas deutlich: mit dieser Ausweichtaktik würde ein ganzer traditioneller Frauen-Beruf, der eine Jahrhunderte alte Besonderheit darstellt, unsichtbar gemacht.
Die amtliche Bezeichnung für den männlichen Geburtshelfer ist laut KDLB (2010) „Entbindungspfleger“, rechtlich (HebG) gilt auch für Männer „Hebamme“ als korrekt. Mit „Entbindungspfleger“ wird unser Beruf in die Pflege verortet, in der wir uns wohl vom Selbstverständnis nicht verorten würden. Und genderneutral ist das schon gar nicht. Auch „der/die Hebamme“ ist nicht gendergerecht. Zum Einen fehlt dann wieder die Ansprache an diverse Personen, und zweitens steht „der“ als erste Nennung wieder im Vordergrund, obwohl Männer in unserem Beruf weiterhin eine winzige Minderheit darstellen. Ein Umdrehen in „die/der Hebamme“ wirkt seltsamerweise auch nicht frauengerechter. Es ist nicht einfach, allem gleichzeitig gerecht zu werden…

Wie nennen wir die Menschen, die wir betreuen?

Sprechen wir von Schwangeren und Gebärenden, scheint das Plural alle Personen implizieren zu können – bei Wöchnerinnen aber funktioniert das nicht: sage ich also genderneutral und inklusiv dann "der/die/them Wöchner:in"? Und sollte ich Schwangere immer als "schwangere Personen" bezeichnen, um meine inklusive Haltung zum Ausdruck zu bringen? Ich halte diese Strategie deswegen für problematisch, weil es Frauen als konstant diskriminierte Personengruppe (wenn auch keine Minderheit) wieder mal als Frauen unsichtbar macht. Ich sehe Sexismus als ein reales strukturelles und nicht selten auch in Form konkreter Grenzüberschreitungen in der Geburtshilfe an, was scheinbar verschwindet, wenn Frauen in unserer Arbeit ganz aus der Sprache verschwinden.
Ich muss also abwägen zwischen der Sichtbarmachung weiblicher Identität – mit allen Diskriminierungsrealitäten – und inklusiver Sprache gegenüber trans- oder nicht-binären Personen, die Sichtbarkeit erwarten und verdienen. Ich habe für mich da noch keine allgemeingültige Lösung gefunden. Gerne gehe ich im Einzelfall auf die Wünsche der betreuten Personen ein. Ansonsten bleibe ich vorerst bei der mir gewohnten Sprache von Schwangerer, Gebärender und Wöchnerin.

Warum

muss überhaupt ein Geschlecht gleich nach der Geburt festgelegt und dokumentiert werden? Warum hat dieser Eintrag so einen starken Einfluss auf Chancen, Lebenserfahrungen und Benachteiligung eines Menschen? Warum gibt es nicht - wie in Museen in Norwegen u.ä. - einfach einzelne abgeschlossene Toilettenräume für ALLE Menschen statt Abteilungen für Frauen und Männer, aber keine für nicht-binären Menschen? Wo - außer in Schutzräumen für Frauen und Mädchen - ist es überhaupt notwendig, Menschen nach Geschlechtern zu trennen? Wie wunderbar wäre es, wenn Bewerbungen grundsätzlich weder Fotos noch Namen, weder Geschlechtsangaben noch Beziehungsstatus ("ledig/ verheiratet"), weder Religionszugehörigkeit oder Geburtsorte enthielten, - sondern nur unsere Qualifikationen und Stärken?

Wenn es nach mir ginge, wäre es grundsätzlich einfach völlig unerheblich, mit welchem physischen Geschlecht wir geboren werden (und wie wir uns später damit fühlen, definiert werden oder leider ständig definieren müssen). Dann würden sich vielleicht viele Probleme von alleine erledigen.
Im Moment aber gibt es eine signifikante Diskriminierung gegen weibliche, trans- und nicht-binäre Personen. Das müssen wir festhalten, benennen, beforschen und politisch bekämpfen.
Und solange müssen wir alle gemeinsam nach Wegen suchen, wie unsere Sprache dem möglichst gerecht werden kann.

Sprache ist ein Ausdruck

von Haltung, Respekt oder Verleugnung. Sprache ist eine extrem komplexe Struktur, die gerade im Deutschen mit den ausgeprägten Genderisierungen einerseits Machtverhältnisse widerspiegelt und zementiert, - und sie andererseits sichtbar machen und aufbrechen kann. Sie verändert sich, wird genutzt und angepasst, manchmal verdreht und missbraucht. Aber sie ist wie die Menschen, die sie lernen, nutzen und transformieren: vielfältig und lebendig.
Und genau so vielfältig und lebendig möchten wir bei HERZTÖNE mit Sprache und mit Euch möglichst auch umgehen.

Bei Anregungen zu diesem Thema schreibt uns gerne an! >> Zum Kontakt  

Autorin:

Tara Franke
(Hebamme, Sexualpädagogin, Wissenschaftsjournalistin)

 

FOTO: Hintergrund Microsofot Bildarchiv, Schriftzug Tara Franke